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Verdick, Ilse, geb. Selchow

Quelle

Pri la Rütli-lernejo: „Ich hatte überhaupt nicht gewusst, dass es eine Versuchsschule gewesen ist und keine Ahnung davon gehabt. Ich dachte, das müsste so sein, die wären alle so. Aber als dann mein Bruder zur Schule kam und es die weltlichen Schulen nicht mehr gab - er war 9 Jahre jünger als ich - da habe ich erst gemerkt, was für ein Unterschied das war, und was er da in seiner Schule erlebt hat und was ich erlebt habe. Er sollte auch noch in meine Schule gehen. Aber es war dann zu spät. Da waren die Nazis schon an der Regierung.“

Pri la Esperanto-kurso: „… ich war an der 41./42. Schule und er (Wilhelm Wittbrodt) war in der 31./32., aber wir waren ganz dicht bei - also das war alles ein Gebäude mehr oder weniger. Wir waren ganz dicht bei ihm. Also quasi sein Büro war ungefähr so gegenüber unserer Klasse. Und eines Tages hieß es, ob nicht jemand Interesse hätte, Esperanto zu lernen … Ich habe mich gemeldet, weil ich dachte, das wäre eine feine Sache, wenn man mit der ganzen Welt korrespondieren könnte eines Tages. Und dann hat er uns also in der Schule unterrichtet - vielleicht ein Jahr oder so … Das war Anfang 1932.“ „… Es war kein großer Unterschied zu den heutigen Kursen z. B. in der Volkshochschule. … Wir trafen uns in Klassenräumen, und da wurde unterrichtet. Und da waren Ältere und Jüngere … von 12 Jahren ab bis in alle Altersstufen hinauf.“

Pri Wilhelm Wittbrodt: „Er war ein freundlicher Mensch, aber auch bestimmt … Er hat uns seinerzeit bekannt gemacht mit russischen Kindern und zwar durch Esperanto und durch seine Beziehungen zu einem russischen Esperanto-Leiter in Kiew. Und das war das Großartige, was wir von ihm hatten.“

Pri pridemandado ĉe Gestapo („Sekreta Ŝtat-Polico): „Und dann ging ich wieder zum Esperanto-Kursus. Und kurz danach kriegte ich eine Aufforderung von der Gestapo, mich dort mal zu melden. Da habe ich gedacht: „Menschenskind, was wollen die denn?“ Ich hatte einen furchtbaren Bammel, weil: Wir … hatten ja in einer Gruppe immer schon … Zettel verteilt … mit roten Fahnen und aufgerufen gegen Hitler usw. Da haben wir angefangen, im Untergrund zu arbeiten. Ich habe gedacht: „Jetzt haben die uns schon erwischt. Wir haben kaum angefangen, da haben die uns schon erwischt.“ Nun ja, ich bin da mit Bammel hingegangen … Na, ich komme dahin … Da fragte man mich erstmal aus … Und Sie korrespondieren mit Russen.“ Ich sage: „Mit einem russischen Kind, ja…“ „Sie kennen Wilhelm Wittbrodt!“ Ich sage: „Ja, das war unser Esperanto-Lehrer in der Schule.“ „Sie werden von jetzt ab nicht mehr nach Russland schreiben, denn Sie würden sowieso keine Antwort kriegen. Ihre Briefe würden an der Grenze abgefangen. Also das geht jetzt nicht mehr, das können Sie nicht mehr.“ … Und dann sagte er mir aber noch: „… nehmen Sie auf gar keinen Fall Kontakt auf zu Wilhelm Wittbrodt!“ Ich sage: „Ne, ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Was soll ich denn da.“

Pri plia vizito ĉe Wilhelm Wittbrodt: „… nach einigen Tagen bin ich doch hingegangen. Und ich weiß heute nicht, ob es besser gewesen wäre, wenn ich sofort gegangen wäre. Aber das habe ich mich denn doch nicht getraut. Ich dachte, die würden mich noch überwachen … Und als ich an der Tür stand, und als er aufmachte und mich sah, zog er mich gleich rein in den Korridor. Und da habe ich ihm das erzählt - so ganz kurz, weil er so aufgeregt wirkte. Und da sagte er: „Weißt du was, die haben meinen Sohn abgeholt. Nun geh mal lieber gleich wieder! Wir wollen uns gar nicht lange aufhalten.“ Ich sagte: „Ist gut.“ Also, ich war so erschüttert. Da hatte die Gestapo seinen Sohn abgeholt …“

Esperanto instigas al lingvo-lernado: „Wenn Wilhelm Wittbrodt nicht mit dem Gedanken an uns herangetreten wäre, Esperanto zu lernen, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dann überhaupt Lust gehabt hätte, weiterhin Sprachen zu lernen. Und ich bin immer noch dabei. Ich lerne heute noch Russisch und Spanisch, und Englisch habe ich ja schon gelernt und habe in der Volkshochschule Französischkurse belegt. Also ich hätte es jedenfalls so früh nicht rauskriegen können, dass ich mich für Sprachen interessiere und dafür begabt bin, wenn ich nicht Wilhelm Wittbrodt kennen gelernt hätte und er uns mit Esperanto bekannt gemacht hätte. Ich möchte alle Esperantisten herzlich grüßen und ihnen weiterhin viel Mut wünschen zur Weiterführung der Sprache. Es ist ja ‘ne schöne Sache, dass man in jedes Land fahren kann, und mit jedem reden kann, … der Esperanto versteht. Das finde ich sehr schön.“

Fonto: Esperanto in Berlin, speciala eldono de 3-a de julio 1994

person/verdick_i.txt · Zuletzt geändert: 2015/03/22 12:47 von roland