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Das Ende ist nah

Gerade mal zwei Jahrzehnte hat es gebraucht, bis die einst lebendige und vielfältige Esperanto-Szene in Berlin so gegen den Baum gefahren wurde, daß eine Erholung aus eigener Kraft kaum noch vorstellbar ist.

Vor kurzem wurde selbst die traditionsreiche Ĵaŭda Rondo für beendet erklärt. Jedenfalls will sie sich nicht mehr im Esperanto-Haus in der Einbecker Strasse treffen. Der Auslöser ist mehr als kurios: Es wurden von einer Person, deren Anteil an der Entwicklung noch genauer zu betrachten sein wird, Regalbretter zerhackt. Die Bitte, das eventuell zu einem anderen Zeitpunkt zu machen, wurde abgelehnt, da er sonst keine Zeit hätte. Dazu muß man wissen, daß diese Person seit kurzem in Rente ist.

Noch vor 20 Jahren gab es in Berlin eine ganze Reihe von Gruppen, die sich regelmäßig trafen. Es gab öffentliche Veranstaltungen und Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Das wurde alles nach und nach abgebaut. Selbst Pressearbeit findet seit Ende 2012 nicht mehr statt. Die Öffentlichkeit erfährt kaum etwas von Esperanto.

Seit Herbst 2014 befindet sich die Esperanto-Szene in Berlin geradezu in einem Zustand der Agonie. Es wäre als ein Schuß vor den Bug zu betrachten gewesen, als der Deutsche Esperanto-Bund die Büroräume in der Einbecker Strasse kündigte. Damit schwand der Traum von einem „Esperanto-Kulturzentrum“ in Lichtenberg, das sogar auf den Strassenkarten des ADAC eingezeichnet ist.

Monatelang wurde Nabelschau betrieben. Ein Vorsitzender, der damit seine Mitverantwortung an dem Desaster zugab, trat zurück, aber der neu gewählte Vorstand brauchte zwei Monaten um das Protokoll der Mitgliederversammlung zu schreiben und hält sich bei der Kommunikation mit den Mitgliedern und Interessenten sehr bedeckt. Die eigentlich als zentrale Anlaufstelle gedachte Web-Site „Esperanto.berlin“ ist kaum als Informationsquelle zu gebrauchen. Links gehen ins Leere, Angaben sind nicht aktuell, Termine unvollständig.

Das einzige, was noch zu funktionieren scheint, sind die Kneipentreffs, also das langjährige „Esperanto plenbuŝe“, das Treffen im „Arema“ oder der Spielenachmittag im Eiscafé Kibo. Charakteristisch ist, daß das nicht von Mitgliedern der Esperanto-Liga Berlin begonnen wurde und zudem von unabhängigen Esperanto-Sprechern besucht wird, die teilweise erklären, daß sie bewußt nicht Mitglied dieses Vereins (Unterorganisation von GEA oder UEA) sein wollen.

Die vereinsinternen Aktivitäten wurden Jahr um Jahr zurückgeschraubt. Nachdem die Ĵaŭda Rondo weggebrochen ist, bleibt nur noch die Vortragsreihe in der Danziger Strasse 50, die aber auch seit Jahren bei weit unter 10 Teilnehmern herumkrebst.

Selbst der Höhepunkt des Esperanto-Jahres, das Zamenhof-Fest wird hinsichtlich der Attraktität seit Jahren von dem von EsperantoLand organisierten Frühstück übertroffen, zu dem Leute kommen, die bei den anderen Angeboten so gut wie nie zu sehen sind. Auch die Piraten-Partei bietet ein monatliches Treffen an.

Es ist kaum zu erwarten, daß sich 2015 daran etwas Grundsätzliches ändert. Der neue Vorstand zeichnet sich vor allem durch Untätigkeit aus. Angeblich soll die Satzung nur ermöglichen, daß man - ohne automatisch Mitglied im Deutschen Esperanto-Bund zu sein - im Berliner Verein lokal mitarbeiten kann. Das war eine mehrfach vorgetragene Bitte gewesen, die nicht nur brüsk zurückgewiesen worden war, sondern durch eine Satzungsänderung 2013 explizit abgelehnt wurde. Aber auf den Versuch von Sebastian Hartwig, von der neuen Situation Gebrauch zu machen, gab es keinerlei Reaktion. Offensichtlich will man keine Mitglieder und vergrault überdies die verbleibenden Aktiven.

Nach über 100 Jahren kann man Esperanto als Verein oder Bewegung in Berlin und Brandenburg wohl endgültig abschreiben.

finavenko.txt · Zuletzt geändert: 2015/04/12 11:38 von roland